Jamal Dilmen


Dass Jamal – Sohn einer deutschen Mutter und eines angolanischen Vaters – binnen weniger Jahre gleich drei Alben eingespielt hat, aber jetzt erst einmal das vierte veröffentlicht, hat gleich mehrere gute Gründe. Da wären zum einen die Dringlichkeit der Texte und das Zeitgemäße der Musik und der Beats. „Schtressy Trap“ ist eine Platte, die genau jetzt erscheinen muss, weil sie nach Gegenwart klingt und etwas zur Gegenwart zu sagen hat. Zum anderen hat Jamal gründlich darüber nachgedacht, mit welcher Platte er sich der Welt vorstellen möchte. Mit den ersten dreien, die stark autobiografisch geprägt sind und von eher dunklen Jahren erzählen, wäre er bei seinem Publikum mit der Tür ins Haus gefallen. „Schtressy Trap“ ist nicht weniger aufrichtig, zeigt Jamal aber nicht so ungeschützt und verletzlich wie die Alben 1 bis 3: „So, wie ich die Platten jetzt veröffentliche, ist es gesünder für alle Beteiligten.“

Die dunklen Jahre, das war, als Jamal auf dem Land in der Nähe von Köln wohnte und sich von seinem Umfeld missverstanden und fremdbestimmt fühlte. Mit 18 flüchtete er seelisch und gesundheitlich stark angegriffen von zu Hause nach Berlin, dekonstruierte dort sämtliche Regeln und Strukturen, die ihn bislang geprägt hatten, machte lieber eigene Erfahrungen, als sich von anderen sagen zu lassen, was für ihn angeblich richtig war, und stand am Ende wie die Hauptfigur eines klassischen Entwicklungsromans da: lebensklüger und künstlerisch gereift.

Auf der Bühne hatte er schon mit drei Jahren gestanden, mit seinem Stiefvater, der die Hits von Frank Sinatra und Sammy Davis Jr. darbot. Später entdeckte er Michael Jackson für sich, Prince, Dr. Dre. Erst in Berlin aber begriff er, was die Musik von Black Coffee auszeichnet, wozu Techno in der Lage ist, was elektronische Sounds bewirken können. Abseits der festgetretenen Pfade taten sich für Jamal in vielerlei Hinsicht neue Welten auf, neue Perspektiven, die einen neuen Blick auf sich selbst ermöglichten – auf eine Existenz in einer Zeit, in der sich alles rasend schnell verändert, in der jede Information sofort abrufbar ist, in der man selbst immer sprunghafter und orientierungsloser wird und in der auf die Frage, was man denn nun werden, was man denn nun machen soll, kaum einer mehr eine Antwort findet. Inmitten dieses allgemeinen Schlamassels kam Jamal zu einem absolut nachvollziehbaren Gedanken: Wenn sowieso alles unsicher und ungewiss ist, dann höre ich auf meinen Bauch und mache konsequent das, was ich mag und mir wirklich wichtig ist.

Aus diesem Entschluss resultierten die drei besagten Alben, die sich stilistisch zwischen sehr ruhigen Klavierballaden und sehr radikalem Techno bewegen, ein wegen Unterforderung abgebrochenes Studium an einem privaten Ausbildungsinstitut für audiovisuelle Medien und eine Lehrzeit in den Aufnahmestudios von Tinseltown. Erst dann war die Zeit reif für „Schtressy Trap“, eine Platte, die einen musikalisch mit raffiniertem Songwriting, subtilem Pop-Appeal und Beats aus der internationalen Weltklasse-Liga in den Bann zieht und empfänglich für Jamals Botschaft macht. Seine eigene Selbstermächtigung legt er auch seinen Zuhörer*innen nahe; die Fremdbestimmung sausen lassen, sich in Zeiten der Ungewissheit auf sich selbst besinnen – diese Gedanken finden sich in Jamals Texten wieder, aber sie drängen sich einem nicht auf.

Jamal möchte zwar, dass sich in den Köpfen seines Publikums etwas bewegt, aber wer Fremdbestimmung ablehnt, kann niemanden überwältigen, kann niemanden zu etwas auffordern, er kann nur Sichtweisen anbieten. Platte Parolen, zackige Appelle und ermattende Eindeutigkeiten verbieten sich also, Eindeutiges mag Jamal sowieso nicht. Er will sich weder auf die Rolle des Sängers noch auf die des Rappers reduzieren lassen – „und ich bin ja auch weder schwarz noch weiß“. Warum sich mit Zuschreibungen, Identitäten und anderen Grenzen aufhalten, wenn das selbstbestimmte Leben doch so viel zu bieten hat? „,Schtressy Trap’ ist die Zusammenfassung von allen Mittelfingern, die ich meinen Eltern gezeigt habe, die ich meinen Lehrern gezeigt habe, die ich allen gezeigt habe und zeigen musste, weil sie nicht verstanden haben, was ich meine“, sagt Jamal. „Die Platte ist eine Anleitung zur mentalen Selbstverteidigung.“

Was der 22-jährige mit dem fertigen Album auslösen will, hat kurioserweise bei der Entstehung bereits geklappt. Als Jamal registrierte, dass einer seiner Freunde todunglücklich war, weil ihn sein naturwissenschaftlichen Studium so quälte und er viel lieber Beats produzieren wollte, schlug er Folgendes vor: „Gib mir ein halbes Jahr, lass uns zusammen Musik machen, und wenn es Dir dann nicht besser geht, dann fang halt wieder an zu studieren.“ Besagter Freund – Levi Moonen sein Name – schlug ein und lieferte schon nach kurzer Zeit Beats, die Jamal fassungslos machten: „Die können auch von einem Drake-Album stammen, so gut sind sie.“